Die Amputation einer Gliedmaße ist für jeden Menschen, der dies erleben muß, ein einschneidender Vorgang im Leben. Egal ob man eine Hand oder ein Bein verliert, egal ob es durch einen Unfall oder krankheitsbedingt (Durchblutungsstörung, Tumor, Entzündungen etc.) passiert - immer wird der Körper nachhaltig zerstört und verändert.
Einerseits können chronische Stumpfschmerzen entstehen, d.h. eher örtliche - gut lokalisierbare – Schmerzen im Stumpf, die relativ leicht behandelt werden können und nur selten, einige Wochen bis Monate nach der Amputation, in chronische Schmerzen übergehen. Diese können schneidend, krampfartig oder einschießend sein, aber auch brennend mit Schmerzattacken. Manchmal sind Nervenverdickungen oder Druckstellen zu entdecken.
Andererseits kennt man Phantomschmerzen, die meist Wochen bis Monate nach der Amputation beginnen. Oft werden die Schmerzen als brennend, bohrend, stechend, krampfartig oder einschießend beschrieben. Typischerweise wird der Schmerz außerhalb des Körpers empfunden. Dabei kann es sich um Schmerzattacken, die Stunden bis Tage dauern oder Dauerschmerzen handeln. Gelegentlich sind Stress, Müdigkeit, Kälte, Wärme oder Wetteränderungen Auslöser für Schmerzattacken.
Nach Amputationen kommt es bei ca. 50% der Patienten zu Stumpf- oder Phantomschmerzen.
Bei chronischen Stumpfschmerzen entstehen Verdickungen in den durchtrennten Nerven. In diesen Nervenknoten wachsen ungerichtet neue Nervenanteile, die sehr empfindlich auf Druck, Wärme/Kälte oder chemische Reize reagieren. Außerdem kommt es zu Verbindungen zwischen Berührungs- und Schmerzfasern, die mit sympathischen Nervenfasern ‘kurzgeschlossen’ werden.
Das Phänomen der Phantomschmerzen betrifft alle Ebenen des Nervensystems. Die durchtrennten Nerven feuern bei der Verletzung/Operation extrem starke ‘Salven’ ins Gehirn und auch nach der Amputation feuern sie weiter spontane Impulse (die sog. Spontanaktivität). Man findet außerdem eine ähnliche Kurzschlußaktivität wie beim Stumpfschmerz, was zu Schmerzkreisläufen führt. Im Rückenmark verringern sich die Anteile der hemmenden Bahnen, die Schmerzschwelle ist erniedrigt, so dass die Nervenimpulse leichter ins Gehirn gelangen. Dort existieren die Regionen weiter, die früher die ‘Meldezentrale’ für den jetzt fehlenden Körperteil waren. Diese Regionen können größer werden und sich verselbständigen. Besonders problematisch ist es, wenn vor der Amputation bereits Schmerzen bestanden, da sich das Gehirn diesen Schmerz gemerkt hat und obwohl der Körperteil entfernt wurde, werden diese ‘bekannten’ Schmerzen weiter empfunden.
Es ist heute bekannt, dass die Therapie der chronischen Stumpf- und Phantomschmerzen, wenn sie innerhalb der ersten 1-2 Wochen nach dem Ereignis beginnt, sehr gute Heilungschancen besitzt. Je mehr Zeit seit der Amputation vergangen ist, desto schwieriger wird es, die Schmerzen dauerhaft zu behandeln.
Phantomschmerzen können auch nach Operationen entstehen, wenn z.B. der Enddarm oder eine Brust entfernt wurden, es wurde sogar über Phantomschmerzen nach dem Ziehen eines Zahnes berichtet.